Direkt zum Hauptbereich

Kapitel V - Yoko

Voller Abscheu betrachtete Yoko den jüngsten Sprössling der Binis am anderen Ende der Theke. Er kannte seinen Namen nicht und er wollte ihn auch nicht wissen. Dieser Abschaum war nicht wichtig denn er würde wahrscheinlich nie Rasu werden auch wenn er in die Bini Rasu Dynastie hinein geboren war. Der Talaboa, also der zukünftige Rasu der Binis war schon gewählt - Pall. Selbst wenn er ausfiele, gäbe es noch drei ältere Geschwister die vor diesem da an der Reihe wären. Yoko starrte die Gruppe Halbwüchsiger feindselig an und hoffte damit irgendwie zu provozieren. Doch die Jungs und Mädels feierten und würdigten ihn keines Blickes.

Die Fehde zwischen dem Klan der Binis und seines Klans den Duoquadragenis ging jetzt ins zweihundertzweiundsechzigste Jahr und spaltete die Rasu Klans in zwei Lager die um die Stimmen der neutralen Rasu Klans buhlten.

In solchen Situationen wünschte er sich oft er könnte einfach hinübergehen und dieses Bini Pack zum offenen Kampf herausfordern, wie es noch vor rund hundertfünfzig Jahren an der Tagesordnung war. Doch mittlerweile wurde jede Art von Beleidigung oder Tätlichkeit extrem hart sanktioniert. Nein er wollte nicht als amtierender Rasu vor den hohen Rat treten müssen um dann zu den niedersten Arbeiten in ganz Mekka verurteilt zu werden. Und deshalb untersagte er solche Aktionen auch dem Rest seines Klans und allen Gefolgsleuten.

Fast vier Jahre musste er noch warten bis zur nächsten Wahl der Awa Rasu, den zwei Vorsitzenden deren Stimmgewalt zwei Drittel des Rats ausmachten. Yoko plante schon seit langem sich den einen Vorsitz zu holen und den anderen mit seinem treuesten Gefolgsmann Aldo Septeni zu besetzen. Es war an der Zeit, denn es war seine Zeit. Dafür arbeitete er schon seit zwei Jahren, hatte seine letzte Hajj drastisch verkürzt und würde die nächste Hajj unter einem Vorwand ausfallen lassen. Alles damit er möglichst viel Zeit in Mekka verbringen konnte um Präsenz zu zeigen und um seine Pläne zu verfolgen.

Normale Mekkaner wie der Schenker, an dessen Theke er gerade seinen verdünnten Kakteenschnaps schlürfte, würden ihn in sechs Jahren wählen. Deshalb besuchte er ihn, hörte sich seine Sorgen an, erwies kleine Gefälligkeiten und erzählte viele Geschichten aus der Welt der Rasu, der eigentlichen Währung in Mekka – Zerstreuung. Yoko kannte den Schmerz der normalen Mekkaner. Sie fühlten sich gefangen im goldenen Käfig. Die Alternative war nicht vorhanden. Hier in Mekka hatten sie Schutz, Ernährung, sogar mehr und mehr Luxus, aber sie durften das Sperrgebiet nicht verlassen und im Umkreis von tausend Meilen gab es keine Siedlung, keinen Stamm, keinen Menschen. Wo also sollten sie hin? Und selbst wenn sie sich auf den Weg machten, sie waren Bao, die Verräter, das schlechte Volk, das Sklavenvolk. Dann war es doch viel besser in Mekka. Trotzdem zermürbte die Eintönigkeit. Doch Yoko hatte nicht nur Geschichten um zu zerstreuen.

„Ehrenwerter Rasu..." sprach ihn der Schenker mit gesenkter Stimme an.

„Schon wieder, Schenker? Was machst du mit dem Zeug? An deine Kinder verschenken? Du solltest vorsichtig sein."

Der Schenker sah sich nervös um, denn Yoko hatte seine Stimme keineswegs gesenkt. Doch die nächsten Gäste waren einige Meter entfernt und kümmerten sich um ihr eigenes Gespräch.

„Hey, ich verstehe es nicht.", führte Yoko weiter aus, „Du bist doch an der Quelle."

Yoko hob sein Glas Kaktusschnaps zum Zeichen was er mit Quelle meinte.

„Das ist ganz anders, ganz anders. Ja klar, nach zehn Schnaps denkt man auch nicht mehr an Heute oder Morgen. Aber Pee-Pee ist...Ding Dong, Ding Dong...ganz anders eben. Weißt du manchmal schwebe ich oder fliege sogar. Frei wie ein Vogel. Versteht Ihr?"

Yoko hatte das so oder ähnlich schon oft gehört. Und er verstand sehr wohl. Pee-Pee, auch Peyo-Psilo genannt, war das Produkt das jeder Mekkaner haben wollte. Der Daira al Rasu hatte noch nichts entschieden, denn es war ein nicht existentes Produkt, aber, da war sich jeder seiner Kunden sicher, sie würden es sofort verbieten. Das Beste daran war, Pee-Pee war Yokos Produkt. Nicht das seines Klans oder seiner lebenden Verwandten, nein, sein Produkt. Er hatte es entdeckt. Er hatte es entwickelt und weiterentwickelt. Und jetzt verteilte er es persönlich unter der Hand, als Gefälligkeit, als Vergnügen, als Zerstreuung. Pee-Pee würde ihn zum Awa Rasu machen, da war er sich sicher. Denn selbst wenn der Daira al Rasu bis zur nächsten Wahl das bislang unentdeckte Produkt verbannen sollte, dann würde er sich für die Legalisierung aussprechen und so die Mehrheit erlangen um Awa Rasu zu werden.

Er hatte dem Schenker gerade drei kleine, braune Kügelchen zugeschoben als die Tür zur Schenke aufflog und mit einem dumpfen Schlag von einer Seitenwand gestoppt wurde. Yoko musste sich nicht umsehen um zu wissen wer hier Aufsehen erregen will. Zakko! Der Vorgänger seines aktuellen Talaboa und sein dritter Sohn der mittlerweile schon 19 Jahre alt war. Zu alt um ihm als Rasu nachzufolgen. Er hatte es der Familie glasklar erklärt. Er muss Rasu bleiben um sich zum Awa Rasu wählen zu lassen. Nach der Wahl bleibt er dann für die übliche Dekade Awa Rasu. Zoran sein vierter Sohn und aktueller Talaboa war jetzt zehn Jahre alt und würde ihm also wahrscheinlich nachfolgen.

Alle seine Kinder, die vier Söhne und die drei Töchter trugen Namen die mit einem Z begannen, so wie alle seine eigenen Geschwister mit einem Y begannen. Das war Tradition bei den Duoquadragenis und auch bei vielen ihrer Gefolgsleute: Die aufeinander folgenden Rasu waren nach dem Alphabeth benannt. Sein Vater hieß Xin, der Großvater Voldar und der Urgroßvater Urol. Urol – Voldar – Xin – Yoko – Zoran und dann würde es wieder mit einem A beginnen.

Hinter Zakko schlurfte Zoran in die Schenke. Wie immer war er völlig verträumt und widmete seine gesamte Aufmerksamkeit einer Puppe aus rotem Ton die er vor einigen Jahren selbst gebastelt hatte. Yoko betrachtete seine Söhne. Innerlich rollte er die Augen. Er konnte weder ihre Anwesenheit ertragen, noch ihr Gehabe. Waren sie in seiner Nähe, kostete es ihn eine fast übermenschliche Anstrengung sie nicht laut anzuschreien um auszudrücken für was für unglaubliche Versager er sie hielt. Keinen der beiden betrachtete er ernsthaft als würdigen Nachfolger im Rasu Amt. Und insgeheim hoffte er so lange im Amt bleiben zu können bis seine siebenjährige Tochter Zora ihren Talab abschließen würde. Sie war dreimal so klug wie die beiden Jungs vor ihm zusammen. Die Charaktere der Jungs waren dabei völlig unterschiedlich.

Zakko war rücksichtslos, gewalttätig und verschlagen. In Mekka konnte er sich zusammenreißen und als harmloses Großmaul wirken. Doch sobald sie auf der Hajj waren, musste Yoko erkennen welche bestialische Freude der Junge dabei hatte jedes erjagte Tier so lange und grausam wie möglich zu quälen. Zakko war dabei völlig angstfrei und Verwundungen und Schmerzen schienen ihn nicht zu kümmern wenn sein Blutdurst gestillt wurde. Einmal erwischte er ihn, wie er, mit dem großen Messer bewaffnet, einen aufgerichteten Bären flink umrundete und immer wieder zu stach bis der Bär erschöpft auf den Boden hockte. Doch jetzt legte Zakko erst richtig los. Ein Stich ins Auge. Der Bär brüllte auf vor Schmerz und schlug um sich. Gezielt stellte sich Zakko in den Winkel des blinden Auges und stach auf die wedelnde Pranke ein. Der Bär resignierte und sackte zusammen. Nur der Atemdunst verriet, dass er immer noch lebte. Genüßlich stach Zakko in das andere Auge. Dann wurde er dreister und schnitt dem resignierenden Bär ein Ohr ab und ergötzte sich an den gequälten Brüllern. Erst als der Bär keinen Ton mehr von sich gab ließ er von ihm ab. Seine Augen strahlten vor blutigem Wahnsinn als er seinem Vater gegenübertrat. Er hatte nicht mal gemerkt, dass ihn der Bär zweifach erwischt hatte und seine Klauen klaffende Wunden in Schulterblatt und Oberschenkel gerissen hatten.

Zoran war das genau Gegenteil. Ein Träumer, immer in sich gekehrt, niemals aufmerksam oder mit seiner Umgebung agierend. Der einzige Gesprächspartner – seine Puppe. Als er sie noch nicht hatte, führte er Selbstgespräche. Wenn Yoko ihm eine Anweisung geben wollte musste er ihn zwei, dreimal beim Namen rufen um überhaupt seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Er hatte alles versucht um den Jungen zu ändern. Strafen, Schläge, nichts half. Nur wenn er sich die Puppe griff war die Hölle los. Aufmerksamkeit ja, aber weit mehr als Yoko ertragen konnte. Der Junge schrie dann wie am Spieß, als hätte man ihm das Herz herausgerissen und er hörte einfach nicht auf zu schreien. Bis man ihm diese verdammte Puppe zurückgab. Dann verstummte er sofort.

Nein, Yoko war nicht stolz auf seine Söhne und oft schämte er sich für sie und es störte ihn gewaltig, dass sie ihm so sehr ähnlich sahen auf eine auffällige Art. Die Duoquadragenis hatten den Beinamen „Der schöne Klan", denn schon immer waren die Duoquadrageni Frauen und Männer groß und wunderschön gewachsen mit besonders schön geschnittenen Gesichtszügen, perfekten Proportionen, sehr feinen Gliedern, mit einer fast bronzefarbigen Haut und markanten hellgrünen Augen. Und diese Merkmale hatte Yoko besonders stark abbekommen und auf seine Kinder vererbt.

Kommentare