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Kapitel IV - Talaboa

Baba verstand nicht was diese Frau, Stoga war ihr Name, ihr sagen wollte. Aber sie vertraute ihr. Sie hatte sie gerettet und sie war genau wie Baba eine Bao Frau.

„Du bist jetzt meine Talaboa.“, hatte Stoga verkündet die offensichtlich nicht gewohnt war viel zu sprechen oder etwas zu erklären.

„Du! Talaboa!“, wiederholte sie und tippte dabei mit dem Finger auf Babas Stirn.

Offensichtlich will ihr die Frau einen neuen Namen geben und sie hatte sie schon öfter so angesprochen. Dabei hatte sie ihr doch schon während sie in diesem Ding mitten auf dem See saßen gesagt: „Ich, Baba.“

Aber vielleicht hatte die Frau sie nicht richtig verstanden. Sie war sowieso die seltsamste Bao Frau die Baba je kennengelernt hatte. Auf den ersten Blick war sie eine ganz normale Frau, schlank, drahtig, wie viele Bao Frauen die hart arbeiten mussten. Das war zunächst mal nicht seltsam. Doch diese Bao hatte keine Angst. Sie sprach nicht viel, handelte aber umso mehr. Jeder Handgriff war wohlüberlegt und präzise, nicht hastig und doch schnell. Alles an dieser Bao wirkte – ja wie eigentlich – überlegen. Ja, selbst den Herra überlegen, weit überlegen. Während sie das dämonische Wasser in dem Ding überquerten konnte Baba die Frau noch gar nicht betrachten, denn sie war darauf konzentriert sich an dem Ding festzuklammern während es wild auf dem Wasser tanzte. Außerdem saß die Frau genau hinter ihr und stach unablässig mit so einem Holzding ins Wasser. Wahrscheinlich um die Dämonen fernzuhalten. Erst als Baba begriff, dass dieses lange Ding in dem sie saß sie nicht ins Wasser werfen würde begann sie zu realisieren, dass es wohl Kunsstoff war das ihre Hände fest umklammerten. Wie reich musste diese Frau sein, wenn sie ein so großes Ding aus Kunststoff besaß. Die seltsame Bao Frau hatte sich als Stoga vorgestellt.

Sobald sie wieder Land betraten legte Stoga das Fell und das Elchgeweih ab, hockte sich halbnackt ans Wasser und begann den Schlamm von Armen und Beinen abzuwaschen. Baba schaute sich um. In einer Kuhle in Ufernähe entdeckte sie eine Feuerstelle und direkt daneben einige Holzkisten, Ledertaschen und einige Dinge die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Stoga wischte sich die frisch gewaschene Haut mit dem sauberen Teil des Fellumhanges trocken. Baba beobachtete sie eingehend während die Frau sich ihre Kleidung anlegte. Ja, sie war eine normale Bao Frau, nur viel selbstsicherer. Und ganz allein. Niemand war allein. Allein zu leben war gefährlich, lebensgefährlich. Baba bewunderte so viel Mut.

Ach, es waren gerade so viele Gefühle die sie durchströmten. Dankbarkeit, denn Baba hatte die Hitze der Flammen schon gespürt. Furcht, wenn sie sich an den Schrecken erinnerte den der dichte Rauch in ihr auslöste und dann ging alles so schnell. Das Lederband das ihre Arme hochriss löste sich plötzlich. Gleichzeitig umschlang ein Arm ihren Körper. Kurz bevor ihr ein feuchtes Tuch ins Gesicht gepresst wurde sah sie eine hässliche Fratze aus Schlamm und Fell mit einem Geweih wie eine Krone und dann schleppte dieses Monster sie durch den Rauch. Sie war ganz starr vor Schreck und überzeugt, dass ein Dämon sie gleich verspeisen würde. Doch kurz darauf stellte der Dämon sie auf den Boden und sagte leise aber bestimmt etwas zu ihr. Baba verstand das Wort „Komm“, sonst nichts, aber jetzt war klar das war kein Dämon, sondern eine Frau die sie offenbar befreit hatte. Diese Frau zerrte sie jetzt an der Hand mit sich und Baba musste so schnell rennen wie noch nie. Ein weiteres Gefühl war Neugier. Wer war diese Frau, allein, reich, selbstsicher. Und warum interessierte sie sich für Babas Schicksal?

„Hilf mir, Talaboa, wir müssen schnell alles in das Kanu laden und hier verschwinden.“, sagte die Frau ohne dass Baba ein Wort davon verstand. Aber sie konnte die Gesten deuten und bei dem Wort Kanu deutete die Frau auf das Ding im Wasser.

„Kano.“, wiederholte Baba und zeigte auf das Ding.

„Ka-nuu“, betonte die Frau silbenweise aber sichtlich erfreut, dass Baba versuchte zu lernen. Baba nahm sich vor alles schnell zu lernen, wenn dies der Frau gefiel. Dann beeilte sie sich die kleineren Holzkisten und Taschen von der Feuerstelle ans Ufer zu dem Kanu zu tragen, aber sie traute sich nicht dem Ding, dem Kanu das auf dem Wasser schwebte, zu nahe zu kommen. Stoga schien kein Problem damit zu haben und packte alle Gegenstände nacheinander in dieses Kanu.

Einen langen Tag waren sie im Kanu auf dem See geschwebt und erst als die Sonne tief stand hatten sie wieder das Land betreten. Sie hatten sich damit die Zeit vertrieben, dass Baba auf etwas zeigte und Stoga ihr den Namen dafür zubrummte was Baba brav so oft nachsprach bis es richtig war. Auf diese Weise kannte sie die Namen aller Dinge die sich im Kanu befanden oder die sie am Ufer erblicken konnten. Bestimmt hundert Worte hatte sie gelernt und ihr Herz hüpfte vor Freude. Nicht nur, dass sie dem Feuertod entronnen war, bekam ihr Leben eine Wende von der sie nicht zu träumen gewagt hatte. Ihre neue Herra war freundlich und forderte sie unablässig auf mit ihr zu sprechen. Das war wirklich ungewöhnlich. Aber es gefiel Baba und sie nahm sich vor alles zu geben um ihre Herra zufriedenzustellen. Einmal hatte Stoga das Paddel so auf den See geschlagen, dass ein großer Schwall Wasser Babas Kopf und Oberkörper überschüttete. Zuerst überkam sie eine gewaltige Panik und sie wartete darauf, dass die Wasserdämonen ihr die Haut vom Fleisch rissen. Aber nichts geschah. Das Wasser war kühl aber nicht böse. Der nächste Schwall durchnässte sie vollständig.

„Gewöhn dich gleich dran. In dem Wasser gibt es keinen Shaytan. Du wirst es trinken und du wirst darin baden.“, erklärte Stoga. Baba verstand nur Shaytan, aber spürte irgendwie das Stoga ihr sagen wollte, dass es keine Shaytan im Wasser gibt. Vorsichtig näherte sie ihre Hand der Wasseroberfläche und tauchte sie dann vorsichtig unter. Das Wasser war kühl aber nicht so kalt wie der Bach hinter dem Dorf. Stoga brummte leise hinter ihr. Wie sie schon wußte war dieser Laut von ihr ein Zeichen der Zustimmung. Gut gemacht, Baba.

Baba schaute interessiert zu wie ihre Herra das Kanu entlud und dann am Ufer befestigte. Sie versuchte bei jeder Bewegung von Stoga nicht im Weg zu stehen und gleichzeitig zu erahnen wie sie behilflich sein konnte. Motiviert trug sie so viel sie konnte zu dem von Stoga festgelegten Lagerplatz. Mehrere Brummer von Stoga verrieten ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war.














Das war seine zweite Chance. Jumala hat sich ihm erneut gezeigt. Und diese Chance würde er mit aller Kraft nutzen. Er würde Jumala nicht noch einmal enttäuschen. Es fiel ihm jetzt aber extrem schwer in diesem Durcheinander den Überblick zu behalten. Er war von dichtem Qualm umgeben der ihn zum Husten reizte. Puhuu Jumala versuchte die Luft anzuhalten und irgendetwas zu erkennen in dem grauen Nichts. Dann versuchte er zu hören was vor sich ging. Doch sein Ohr erreichte nur ein wildes Stimmengewirr durchbrochen von ängstlichem Geschrei. Instinktiv wählte er den Rückzug. Raus aus dem Rauch um wieder frei atmen zu können. Zwischen den Gebäuden wurde der Qualm schon etwas dünner und er traute sich wieder einen Atemzug zu wagen. Er erkannte viele Dorfbewohner um sich herum die ebenfalls auf der Flucht vor dem Qualm zwischen den Häusern herumstolperten. Wie sollte er in diesem Durcheinander Jumala finden? Der Gott kam über den See vielleicht würde er auch dorthin wieder verschwinden. Puhuu Jumala rannte los. Durch das kleine Waldstück in Richtung See. Da waren sie die Zeichen. Gestapelte Steine. Seine kurzen Beine trappelten über das Laub. Da, schon wieder ein Steinstapel. Und noch einer. Er erreichte den Uferbereich und direkt vor einem Busch noch drei Steine aufeinander. Der See war immer noch in Nebel gehüllt der jetzt nicht mehr auf der Wasseroberfläche klebte, sondern mit der Kraft der aufgehenden Sonne sanft nach oben stieg. In der weißen Wand des Nebels konnte er gerade noch die Umrisse von Jumalas Elchgeweih erkennen bevor sie im Nichts verschwammen.

Puhuu Jumala entschloss sich intuitiv nicht nach rechts um den See, also die Harzbaum Route zu gehen sondern in die andere Richtung nach Süden. Sein Magen verkrampfte sich, denn nur wenige Schritte am See entlang im Süden musste er die Grenze überschreiten nach Pa-aya-shaytan das Land der Dämonen. Er redete sich selbst gut zu.

Jumala hat dir Zeichen gegeben. Jumala hat dir eine zweite Chance gegeben. Jumala will dich nur prüfen, deinen Glauben prüfen. Du musst durchhalten und Jumala deine Treue beweisen. Dann wird Jumala dich beschützen.

Zuversicht durchströmte ihn, doch sobald er neben dem Ufer einen der bunten, behängten Rentierschädel erblickte, rutschte ihm sein Herz in die Hose. Er schaute die vor ihm liegende, bewaldete Uferregion entlang. Der Wald selbst wirkte undurchdringlich aber auch die Uferregion bot einige Herausforderungen in Form von ins Wasser ragender Vegetation. Eine Ewigkeit blieb Puhuu Jumala erstarrt stehen und versuchte die Dämonen zu entdecken. Alles wirkte friedlich. Er blickte das Ufer zurück von wo er gekommen war – genau so friedlich. Er war überzeugt, dass der Frieden nur vorgetäuscht war und sobald er die Grenze überschritt würden die Dämonen von ihm Besitz ergreifen. Schließlich hatte er jahrelang alle im Dorf genau davor gewarnt. Und jetzt war er selbst im Begriff es zu wagen. Er kannte die Geschichten der Verbannten und entflohenen Sklaven die die Grenze überschritten und sofort vor Schmerz schrien und in das Unterholz gezogen wurden. Aber selbst hatte er das noch nicht mit eigenen Augen gesehen. Die Kraft schien aus seinen kurzen Beinen zu schwinden. Sein Kopf befahl: Geh! Doch seine Beine zuckten nur. Puhuu Jumala schloß die Augen und vor ihm erschien das Bild als Jumala auf dem Dorfplatz mit seinem Elchgeweih an ihm vorbeihuschte auf den Scheiterhaufen zu. Er blickte auf das Elchfell am Rücken des Gottes, auf die Gliedmaßen voll rissigem, getrockneten Schlamm. In diesen Rissen blitzte helle Haut hervor. Jumala? Was suchst du in unserer Mitte? Was willst du dort beim Scheiterhaufen? Plötzlich wischte dichter Qualm das Bild einfach weg. Puhuu Jumala bewegte sein rechtes Bein nach vorne. Die Augen hielt er immer noch geschlossen. Jetzt sein linkes Bein noch weiter nach vorne. Und wieder das Rechte. Mit jedem Schritt erwartete er einen unvorstellbaren Schmerz oder zumindest ein warnendes Knurren. Aber er ging unbehelligt weiter. Jumala beschützte ihn, dachte er freudig. Er öffnete die Augen und alles war friedlich wie zuvor. Das Wasser des Sees plätscherte leise wenn es an die Grasnaben traf. Der Nebel über dem See wurde mehr und mehr nach oben gezogen und gab den Blick frei auf den Verlauf der Uferkante. Zögerlich schritt er weiter voran, kam an seine erste Herausforderung, zwei dicke unterspülte Baumwurzeln über die er klettern musste. Mit jedem einzelnen Schritt wuchs seine Zuversicht, dass Jumala geplant hatte, dass er diesen Weg nehmen würde, dass Jumala die Dämonen zurückdrängte, von ihm fernhielte, dass Jumala seine schützende Hand über ihn hielte. Fünf Baumwurzeln später verschwendete er keinen Gedanken mehr an Pa-aya-shaytan. Er konzentrierte sich vollständig auf seine Aufgabe die vielen, kleinen Hindernisse auf seinem Weg zu überwinden. Jetzt, da er wieder klar denken konnte wurde ihm bewusst, dass er völlig unvorbereitet aufgebrochen war. Dank seines Heilmantels würde er nicht frieren müssen, aber sein einziger Gegenstand war ein kleines Messer das er immer am Gürtel trug. Keine Wasserflasche und keine Nahrung. Irgendwann musste er trinken und später musste er auch etwas essen. Jumala würde ihn führen. Dessen war er gewiss.

Einige Zeit nachdem die Sonne die oberste Höhe überschritten hatte begann das gegenüberliegende Ufer des Sees immer näher zu kommen und der See glich eher einem breiten Fluss nur ohne Strömung. Puhuu Jumala kam gut voran denn hier hatte sich der Wald etwas vom Ufer zurückgezogen und Platz für hohes Gras gelassen das sich so weit sein Auge reichte, ein einer Biegung des flussähnlichen Sees entlang zog. Teilweise war das wilde, unberührte Gras so hoch wie er selbst und er genoss den Nachmittag in der Sonne, die jetzt schon knapp über den Baumkronen am anderen Ufer stand. Doch schon seit einiger Zeit war sein Durst unerträglich. Kurz hatte er überlegt ob Jumala wollte, dass er das Wasser des Sees trinke. Das könnte sein. Aber er entschied sich zu warten. Auf ein Zeichen von Jumala. Und vor diesem Zeichen schien er jetzt endlich zu stehen. Ein kleiner Bach querte seinen Weg, der erste seiner Art seit er dieses Ufer entlanglief. Das Wasser sah aber eher nicht so appetitlich aus. Hier an der Mündung kämpfte die leichte Strömung des Baches mit dem einfließenden Wasser des Sees und bildete einen kleinen, schlammigen Wirbel. Er beschloss dem Bachlauf ein wenig zu folgen bis zu einer eindeutig fließenden Stelle – ein sicheres Zeichen für Dämonenlosigkeit. „Jumala sei Dank.“, dachte er erleichtert als ein winziger Wasserfall den Bachlauf unterbrach, nur wenige Manneslängen vom Rand des Urwaldes entfernt. Er wollte da nicht rein in den Wald, sicher ist sicher. Ohne Trinkflasche musste er jetzt so viel Trinkwasser wie möglich in seinem Körper speichern. Deshalb verbrachte er, trotz aller Eile mit seinem Gott Schritt zu halten, ausreichend Zeit damit, zunächst den ersten Durst zu löschen, dann nochmal so viel wie möglich nachzutrinken, pinkeln zu gehen um nochmal so viel zu trinken bis er sich fühlte als müsse er jeden Moment platzen. Aber er fühlte sich glücklich als er sich wieder zurück zum Ufer machte. Jumala versorgte ihn prächtig, er wies ihm den Weg, hielt die Dämonen von ihm fern und sicher würde er ihn bald an einem Strauch köstlicher Beeren vorbeiführen die auch seinen Hunger besänftigen würden.

Gerade war er wieder am See angekommen als er plötzlich eine laute Kinderstimme hörte. Er warf sich zu Boden und verharrte. Da. Wieder diese glockenhelle Stimme. Und jetzt hörte er eine weitere Stimme, eine Frau. Die Stimmen kamen aus der Richtung des anderen Ufers, etwas oberhalb. Puhuu Jumala robbte in dem hohen Gras ein wenig vorwärts bis er durch die letzen Halme den See überblickte aber doch noch gut versteckt blieb. Da war ein, ein, so ein Ding. Dieses Ding dessen Namen ihm nicht mehr einfiel. Das von dem ihm der Händler erzählt hatte. Das Ding das einen Karren samt Esel und Händler über Wasser tragen konnte. Nur dieses war viel kleiner, schmal und länglich, vorne und hinten gebogen wie ein Beil, aber es war nicht aus Metall, sondern eher Holz denn es war dunkelbraun. Zwei Menschen saßen darin. Vorne das Kind und hinten die Frau die mit einem seltsamen Gegenstand immer wieder ins Wasser stach. Dieses Ding sah aus wie ein riesiger Holzlöffel. Die beiden unterhielten sich während sie langsam auf dem Wasser an ihm vorüberglitten. Wie ein Schlag traf es ihn. Das war doch dieses Bao Mädchen. Ja klar. Das Mädchen das vor ein paar Stunden noch kreischend an der Opferstange gefesselt zappelte und mittlerweile eigentlich nur noch ein Häufchen Asche sein sollte. Wie kam sie hierher? Und wer war diese Bao Frau hinter ihr? Eindringlich beobachtete er die beiden bis sie außer Sichtweite kamen. Hatte Jumala das Mädchen gerettet? Vielleicht war das der Grund warum Jumala plötzlich bei der Opferzeremonie erschienen war. Aber warum sollte Jumala dieses unbedeutende, ziemlich dumme, Sklavenmädchen befreien wollen? Und wenn, warum hat er sie dann dieser Frau übergeben? Die Fragen konnte nur Jumala beantworten und offenbar waren die beiden ebenso wie er selbst auf dem Weg zu Jumala.

Die Sonne stand bald tief, verdeckt von den Bäumen im Westen am anderen Ufer. Dadurch war das Schummerlicht noch dunkler als er es vom Dorf gewohnt war. Die große Rentierweide diente im polaren Sommer als Lichtschneise für das Dorf. Puhuu Jumala hatte schon wieder Durst und sein Hungergefühl nahm kräftig zu. Das würde ihn von jedem Schlaf abhalten und außerdem hatte er große Angst sich einfach hier hinzulegen, denn neben Dämonen gab es auch Tiere von denen er nicht mit Sicherheit sagen konnte, dass Jumala ihn auch vor ihnen beschützte. Deshalb stapfte er einfach stundenlang weiter durch die schummrige Nacht. Weit voraus konnte er erkennen, dass der Grasstreifen neben dem See zum Ende kam und die Bäume wieder bis direkt ans Ufer reichten. Die Reise würde jetzt also wieder weit beschwerlicher werden. Gerade als er darüber nachdachte vielleicht doch einen Lagerplatz für ein Nickerchen zu suchen, bemerkte er die tanzenden Schatten in den näher kommenden Baumwipfeln beim Ufer. Er blieb stehen. Das schummerig graue Licht wurde dort vorne von einem leichten gelborangenen Schimmer ergänzt der im Blätterwerk der Bäume mit den Schatten um die Wette tanzte. Ein Feuer. Jemand, etwas hatte dort vorn ein Feuer entzündet dessen Schein sich an den Baumwipfeln abbildete. War er am Ziel? Wartete Jumala dort drüben auf ihn? Wer sollte es denn sonst sein, hier, tief im Pa-aya-shaytan ohne den Schutz des großen Jumala? Die Frau und das Bao Mädchen vielleicht, schoss es ihm durch den Kopf während er sich durch das hohe Gras vorsichtig dem Schein näherte. Immer wieder trennten seine Hände die Halme vor ihm zu einem Weg in Richtung des immer noch nicht sichtbaren Feuers. Plötzlich bewegte sich etwas hellbraunes, felliges ruckartig vor ihm. Ein Tier, ein wenig größer als er selbst. Er konnte es nicht genau erkennen aber es rannte raschelnd vor ihm davon. Dann hörte er ein röhrendes Brüllen und dumpfes Getrappel, er spürte die Wucht eines großen, mächtigen Körpers der den Boden erzittern ließ. Das war Er. Jumala. Und Er kam auf ihn zu. Da, das mächtige, flaumbesetzte Elchgeweih direkt über ihm. Ein unbändiger Schmerz durchzuckte Puhuu Jumalas kleinen Körper. Und alles wurde schwarz.










Ein dumpfer Schlag, fast so wie wenn zwei Rentiere um die Vorherrschaft kämpfend die Geweihe gegeneinanderschlagen, folgte dicht auf das warnende Röhren eines Elches. Sie hatten es sich am Feuer gemütlich gemacht. Stoga war gerade damit fertig geworden die Laser-Sensoren so auszurichten, dass sie bei jedem ungewollten Zutritt zu ihrem Lager einen Alarm auslösten. Baba war inzwischen schon eingeschlafen. Stoga stand auf und griff nach dem Fernglas. In der Richtung aus der das Geräusch kam entdeckte sie in etwa 150 Meter Entfernung eine große Elchkuh im Gras stehend und ihrem dabeistehenden Kalb den Hals ablecken. Dabei wirkte die Kuh extrem aufmerksam. Sie starrte unentwegt in eine Richtung während sie das Kalb beruhigend weiterleckte. Offenbar war ihr Mutterinstinkt auf Hochtouren und vielleicht hatte sie mit dem Röhren einen Angreifer vertrieben. Stoga stellte die Vergrößerung des Fernglases hoch und suchte die Blickrichtung der Elchkuh ab. Manchmal gab es hier im Norden Luchse und Schneeleoparden. Wenn der Hunger diese Tiere auch vor ihrem Feuer nicht zurückschrecken ließ dann musste sie die Laser-Sensoren in einem größeren Radius um das Lager platzieren um mit ausreichend Reaktionszeit für ein so schnelles, angriffslustiges Raubtier gerüstet zu sein. Langsam schwebte ihr Sichtkreis im Fernglas durch die Grashalme in der Blickrichtung der Elchkuh. Da lag etwas. Stoga justierte die Sehschärfe, aber es wurde nicht klarer. Etwas blinkte ganz kurz auf. Wie ein winziges weißes Licht. Das war kein Raubtier. Das war gar kein Tier.

Stoga deaktivierte den Alarm, schnappte sich den 45er Kaliber Revolver, spannte den Hahn und lief mit der Waffe im Anschlag auf den im Gras liegenden Körper zu. Ein Rascheln hinter ihr verriet das Baba ebenfalls wach war und ihr schweigend folgte. Gutes Kind. Gute Instinkte. Jetzt wurde die Elchkuh auf sie aufmerksam und begann sich mitsamt ihrem Kalb in Richtung Waldrand zu begeben. Gut so. Mit einer wütenden Elchkuh konnte man richtig Ärger bekommen. Höchstwahrscheinlich war das genau der Grund warum dieses Etwas jetzt dort im Gras lag. Das Licht war nach wie vor nicht allzu üppig. Tatsächlich hatte das Fernglas eine viel höhere Restlichtausbeute als das menschliche Auge. Je näher sie kam desto rätselhafter wurde es. Der Körper war viel zu klein für einen Menschen, aber es sah auch nicht wie ein Fell aus was da herumlag. Noch ein Kind? Sie stand jetzt fast über dem reglosen Bündel und erkannte kurze Arme mit kleinen Fingern in einem lila Wollmantel der mit allerlei Glas- und Metallsplittern besetzt war. Daher wohl das kurze Blinken vorhin. Ein Zwerg, ganz klar ein Zwerg. Stoga hatte schon oft Zwerge gesehen. Auf jeder Hajj hatte sie bei allen besuchten Stämmen immer zwei, drei Zwerge angetroffen. Die Rasu wussten, dass der kleine Wuchs auch nur die vererbten Auswirkungen der Strahlenkrankheit war. Die Stämme gingen auf unterschiedliche Weise mit den Zwergen um. Manche hielten sie für unwürdig und brachten sie gleich nach der Geburt um. Andere Stämme verehrten sie als Schamanen, Heiler oder Orakel.

„Puhuu Jumala!“, ertönte Baba hinter ihr.

Erstaunt drehte Stoga sich dem Mädchen zu und entspannte den Hahn der Pistole.

„Du kennst ihn?“, fragte sie das Mädchen direkt.

„Puhuu Jumala!“, wiederholte die Kleine bedauernd, ging um Stoga herum und kniete neben den reglosen kleinen Körper. Puh hieß sprechen und Jumala war die örtliche Gottheit, Baba kennt ihn, also kam er aus dem Dorf und war folglich der kleine Schamane den sie beobachtet hatte beim Beginn der Opferzeremonie. Stoga führte das, um den Hals hängende, Fernglas an ihre Augen und suchte sorgfältig den Grasstreifen zwischen Ufer und Urwald ab. War der Zwerg allein, oder versteckten die Verfolger sich irgendwo? Sie hätten ihn niemals mitgenommen. Seine kurzen Beine hätten sie nur aufgehalten. Stoga bezweifelte stark, dass ihr jemand hinter der Dämonengrenze gefolgt wäre. Umso erstaunlicher war dieses plötzliche Auftauchen von Puhuu Jumala. Sie untersuchte den kleinen Mann genauer. Es sah ganz danach aus, dass die Elchkuh ihm eine ihrer Geweihschalen in seine Stirn gerammt hatte. Eine hässliche, blutende Platzwunde im oberen Stirnbereich deutete darauf hin. Die Art wie die Grashalme um den kleinen Körper wie eine Einflugschneise umgeknickt waren, deutete darauf hin, dass der Zwerg einige Meter durch die Luft geschleudert wurde bevor er hier im Gras aufsetzte. Bedächtig untersucht sie den Körper des kleinen Kerls, doch seine Knochen schienen alle heil geblieben zu sein. Auch der Kopf wies nur die eine Verletzung auf und so nahm Stoga ihn vorsichtig hoch und lief langsam, gefolgt von Baba, zum Lager zurück. Sie desinfizierte und nähte die Wunde, legte einen Kopfverband an und wickelte den kleinen Körper nah am Feuer in eine warme Decke ein.

Stoga war unschlüssig was sie mit dem Zwerg machen sollte. Wenn es nach den Regeln der Rasu ging müsste sie ihn eiskalt eliminieren. Er würde all ihre Geheimnisse entdecken sobald er erwachte und das durfte nicht sein. Doch Baba schien den kleinen Mann zu mögen was erstaunlich war denn nur wenige Stunden zuvor war er es gewesen der ihr Todesfeuer entzündet hatte. Das Mädchen kümmerte sich rührend um den fiebernden Zwerg, flößte ihm geduldig Wasser ein und tränkte alle paar Minuten die Lappen mit kaltem Wasser die seinen Körper beim Kampf gegen das Fieber unterstützen sollten. Nein, sie konnte diesen Zwerg nicht eliminieren. Das wäre genau das falsche Zeichen für ihre neue Talaboa. Dieses Mädchen hatte Vertrauen zu ihr gewonnen, sie war motiviert mit ihr in eine fremde Welt zu gehen, zu lernen, alle bisher gemachten Erfahrungen vertrauensvoll beiseite zu legen und selbst die größten Ängste zu überwinden. Und diesen aufsprießenden Keim sollte sie jetzt mit der Ermordung dieses Mini-Schamanen aufs Spiel setzen? Nein, gewiss nicht. Und sie musste das auch nicht jetzt sofort entscheiden. Wenn der Gnom sein Fieber überstand, wovon Stoga fest ausging, dann würden sie zu dritt weiterziehen bis zum Anlegeplatz. Dort würde irgendwann Falout von seiner Hajj eintreffen, wenn er nicht schon wartete und sie würden sich dann beraten was zu tun ist.

Den ganzen Tag und die nächste Nacht fieberte der unerwartete Gast ohne klares Bewusstsein vor sich hin. Auch nachts, jedes Mal, wenn Baba erwachte, schaute sie nach ihm und erneuerte die kalten Wickeln. Stoga wunderte sich nach wie vor und fragte im Morgengrauen: „Talaboa, was kümmert er dich? Wollte er dich nicht töten? Mit Feuer?

„Nein, nein.“, antwortete Baba gleichmütig, „Er - Baba nicht töten. Jumala - Baba töten. Aber nicht töten - weil Stoga.“

Das Kind lernte so schnell. Zwei Tage waren sie jetzt unterwegs und sie konnte Stoga schon richtig gut verstehen aber sich auch viel besser verständlich machen als zu Beginn. Den Begriff Talaboa übersetzte sie zwar noch mit Lehrling, Schüler, war dankbar dafür, aber Stoga wollte das Mädchen jetzt noch nicht überfordern mit dem Gedanken eine Rasu zu werden und dann irgendwann ihre Nachfolgerin.

„Jumala.“, kam es leise von dem Zwerg. Er schien wach zu sein, beobachtete sie mit müden Augenlidern.

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